Wenn das Leben langsamer schreibt
- natalieinnerbichle
- 12. März
- 3 Min. Lesezeit

Manchmal verändert eine Diagnose vieles.
Und manchmal zeigt sie uns auch, was uns wirklich trägt.
Meine Finger sind kalt und bläulich, als ich am Küchentisch sitze. Draußen ist es still, nur das Licht fällt durch die Fenster. Ich halte den Stift in der Hand und merke, wie sehr Worte mich tragen. Besonders jetzt, als mein Körper mir sagt, dass alles langsamer wird. Es ist dieser Moment, der mir einmal mehr zeigt: Schreiben ist Halt.
Eine Pause, die sich einschleicht
Manchmal schreibt das Leben plötzlich langsamer. Nicht absichtlich. Sondern, weil etwas in uns innehalten muss.
Mein Blog sollte ein Ort sein an dem Gedanken ihren Platz finden. Ein Ort für Worte, für Reflexion, für kleinere und größere Geschichten aus dem (Schreib)Leben. Schreiben war für mich nie nur Ausdruck. Es war immer auch Orientierung.
Als Schreibpädagogin und in meiner Arbeit mit der Positiven Psychologie, habe ich mich immer damit beschäftigt, wie Schreiben Menschen begleiten kann. Wie Worte helfen können, Erfahrungen einzuordnen. Wie sie Perspektiven öffnen.
Was mir heute bewusster ist denn je: das Schreiben hat mich selbst durch eine Zeit getragen, in der vieles Unklar war. Und ist für mich zu einem stillen Anker geworden.
Frühe Zeichen
Das Raynaud Syndrom begleitet mich schon lange. Kalte Finger, die plötzlich weiß werden. Dieses Kribbeln und die Taubheit, die viele kennen. Lange Zeit war es einfach etwas, das ab und zu da war und zu mir gehörte. Mich aber nicht weiter einschränkte. Also nichts, worüber ich viele Gedanken verloren hätte.
Anfang 2017 begann sich etwas zu verändern. Die Raynaud Episoden verschlechterten sich spürbar. Sie wurden stärker, häufiger, anhaltender und schmerzhafter. Und nach und nach kamen weiter Symptome hinzu: körperliche Veränderungen, Müdigkeit und vor allem dieses diffuse Gefühl, dass mein Körper anders reagierte als früher.
Es folgten Untersuchungen, Arzttermine, Ursachenforschung. Viele Fragen. Bis 2019 jedoch ohne klare Richtung. Keine Diagnose, die die kleinen Puzzleteile wirklich zusammengefügt hätte.
Also ging das Leben weiter. Mit einem leichten Hintergrundrauschen aus Unsicherheit und Hoffnung auf Besserung.
Wenn der Körper anderes verlangt
Dann kam der Sommer 2023. Ich merkte, dass sich wieder etwas verschiebt. Meine körperliche Belastbarkeit nahm deutlich ab, mein Geist wurde müder. Dinge, die einmal selbstverständlich waren, kosteten plötzlich mehr Energie. Auch die Arbeit mit den Kindern verlangte mir alles ab. Mein Körper schmerzte, verlangte nach Pausen, nach einem anderen Rhythmus.
Anfang Dezember kam schließlich die Diagnose, die ich gar nicht mehr erwartet hatte: systemische Sklerose. Ein Moment, in dem vieles gleichzeitig da war – Schock, Erklärung, Erleichterung, und viele neue Fragen – und mein Leben in vorher und nachher teilte.
Wenn die Kräfte nachlassen
Der Herbst und Winter 2024 brachte weitere Herausforderungen. Häufige Infekte und lange Erholungsphasen ließen die Kräfte weiter schwinden. Im Sommer 2025 durfte ich für drei Wochen auf Kur fahren und hoffte, meine Energie würde zurückkehren, die Schmerzen vielleicht weniger werden. Doch auch nach meiner Rückkehr merkte ich schnell, dass die Arbeit in der Kita weiterhin an mir zehrte.
Im September 2025 wurde es endgültig klar: die Raynaud Episoden hielten trotz der Medikamente täglich mehrmals an, Kopfschmerzen wurden zur Routine und Schmerzen fast im ganzen Körper, sowie die Erschöpfung prägten jeden Tag. Irgendwann ging es einfach nicht mehr. Ich konnte die Arbeit so nicht mehr machen und musste auf meinen Körper hören.
Schreiben als Anker
In dieser Zeit habe ich noch einmal neu verstanden, was Schreiben für mich bedeutet. (Obwohl das Schreiben mit der Hand aufgrund des Raynaud Syndroms erschwert ist.)
Es war nie nur Teil einer Tätigkeit. Es wurde noch einmal mehr zu meinem sicheren Raum.
Meinem Raum für Gedanken, die noch nicht fertig sind. Für Fragen, die keine schnellen Antworten haben. Für Erfahrungen, die sich erst langsam entfalten.
Mit Sicherheit hat diese Zeit auch meinen Blick als Schreibpädagogin verändert. Die Positive Psychologie bedeutet für mich heute nicht mehr, immer nach dem Positiven suchen. Sondern die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten Ressourcen wahrzunehmen. Bedeutung zu entdecken. Kleine Lichtpunkte nicht zu übersehen.
Schreiben kann dabei erstaunlich viel bewegen.
Manchmal mehr, als wir im ersten Moment ahnen.
Ein leiser Schritt zurück
Die letzten zwei Jahre haben mein Tempo verändert. Meine Prioritäten. Meinen Blick auf Energie, Gesundheit und Grenzen.
Sie haben mir auch gezeigt, wieviel Kraft in Worten liegen kann. Und dass Schreiben manchmal genau dann am wichtigsten wird, wenn das Leben selbst noch nach (Ant)Worten sucht.
Vielleicht beginnt genau dort eine neue Geschichte.
Eine, die langsamer geschrieben wird.
Autorinnen-Notiz am Rande
Vielleicht ist dieser Beitrag deshalb auch ein Anfang. Ein leiser Schritt zurück in meine Tätigkeit als Schreib-Begleiterin.
Ich begleite Menschen im Schreiben. Biete einen Raum für Reflexion, Orientierung und persönliche Entwicklung. Nach einer längeren Pause gehe ich diesen Weg nun wieder Schritt für Schritt. Langsamer, aber mit noch größerer Überzeugung.




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